Rezension

Queere Theorie - Queere Öffentlichkeit
Rückblick auf einen Workshop am 9./10. Juli an der Universität Hamburg
von Nina Schulz

„Queer ain´t here“, dass davon in der Bundesrepublik schon seit längerem nicht mehr die Rede sein kann, dokumentierte der Workshop „Queere Theorie – Queere Öffentlichkeit“, der am 9. und 10. Juli 2005 an der Universität Hamburg stattfand. Etwa 50 Personen aus verschiedenen universitären und aktivistischen Kontexten nahmen an der Veranstaltung teil, die Kathrin Ganz, Do Gerbig, Marko Hutsch, Claudia Jachnik, Janna Joke Janssen und Claudia Koltzenburg in Zusammenarbeit mit der Gastprofessorin für Queer Theory, Dr. Antke Engel organisiert hatten.

Im ersten Diskussionsblock Getting institutionalized? beschäftigten sich Kleingruppen mit der Rolle von queer im akademischen Kontext. Resultat dessen: Zwar seien einige queer-theoretische Aspekte, so die Heteronormativitätskritik oder das Moment der Zweigeschlechtlichkeit in den Gender Studies angekommen. Andere grundlegend gesellschaftskritische Inhalte queerer Theorien oder die Thematisierung von Sexualität hingegen würden oft entnannt und abgewehrt. Abschließend kristallisierten sich zwei Aspekte heraus: Erstens könne im bundesrepublikanischen Kontext nicht von einer so weit fortgeschrittenen Institutionalisierung gesprochen werden, dass queer bereits vollkommen vereinnahmt wäre. Zweitens beinhalte eine beginnende Institutionalisierung auch die Möglichkeit neuer politischer Praxen und müsse nicht in einer undefinierten Entpolitisierung münden.

Am Abend gingen Dominika Ferens (Universität Wroclaw) und Tomasz Basiuk (Universität Warschau) der Frage nach, welche Widerstandsmöglichkeiten der Vereinnahmung von queer als Lifestyle entgegensetzt werden könnten. Anhand aktueller politischer Entwicklungen in Polen, argumentierten sie für eine queer-politische „Identität“, die sich als ein anti-identitäres Konzept auf queerem Aktivismus begründe und gleichzeitig im sozio-politischen Feld reifiziert werde. So könne in der herkömmlichen Forderung nach Koalitionen zivilen Ungehorsams, eine queere Spezifität bewahrt werden. Ferner müsse eine queere Perspektive nicht nur von purem Überleben sondern auch von „imaginative joy“ und sexueller Lust handeln.

Im Einleitungsblock am Sonntag stellte Dr. Engel die These auf, dass nicht jede Öffentlichkeit politisch, aber keine Politisierung ohne Öffentlichkeit möglich sei. Öffentlichkeit müsse zugleich als Ergebnis, aber auch im Sinne hierarchischer und ausschließender Bedingungen als Anlass von Politisierung betrachtet werden. Von einem „heterogenen Feld dezentrierter Öffentlichkeiten“ auszugehen, sei dann interessant, wenn diese als umkämpft verstanden werden und etablierte Strukturen fragwürdig erschienen.

Um Öffentlichkeiten zu verqueeren, müssten sich auch gesellschaftspolitische Interventionsstrategien verändern, um nicht erneut binäre Konstruktionen zu produzieren. Renate Lorenz wies darauf hin, Strategien eines queeren Missverstehens, Unsichtbarmachens und Vergessens (Judith Jack Halberstam), eine Form von „witchcraft“ (Beatriz Preciado) als De-Normalisierungsstrategien zu entwickeln, die in diskursiv vorstrukturierte Räume intervenierten. Abwesenheiten zu repräsentieren (José Esteban Muñoz), drücke eine kontextualisierte Verweigerungshaltung gegenüber automatischen Platzzuweisungen im etablierten Rahmen aus. Strategien der Unsichtbarmachung sind somit Prozesse, umkämpfte Terrains und paradoxe Bewegungen, die zu Widerspruch einladen, indem sie sich hegemonialen Logiken widersetzten und die „Maschinerie der Selbstevidenz“ (Lorenz) unterbrächen.

Im folgenden Beitrag setzen sich Eli Haschemi und Beatrice Michaelis anhand der von ihnen initiierten Konferenz „Queering the Humanities“ (Berlin 2004) kritisch mit der Rolle von race innerhalb queerer Theorie auseinander. Sie forderten die Perspektive der intersectionality und Positionalität stärker zu forcieren und zum anti-identitären Anspruch von queer kritisch ins Verhältnis zu setzen. Sven Glawion skizzierte anhand der Vorlesungsreihe „Verhältnisse durchqueeren“ (WiSe 2002/2003 FU Berlin), wie sich ein universitärer Umgang mit alternativen queeren Wissensproduktionen gestalten kann.

Nikita Dhawan und Dr. María Castro Varela stellten die Kreuzungspunkte und Überlappungen queerer und postkolonialer Theorien dar. Beide theoretischen Konzepte ließen sich nicht vereinheitlichen und beinhalteten das Potential sich gegenseitig in eine produktive Krise zu bringen. In der Vergangenheit hätten queere Öffentlichkeiten keine Brüche mit einer kolonialen Kontinuität und deren Repräsentations-, Herstellungs- und Homogenisierungsformen der „Anderen“ geschaffen. In diesem Sinne sei auch innerhalb von queer eine Dekolonisierung notwendig, die mit Normen und gesetzten Bilder bricht, anstatt einem „lustvollen Genuss der Exotisierung“ zu verfallen.

Weitere Arbeitsgruppen widmeten sich dem Verhältnis von queeren Theorien und Methoden (Annett Losert) und dem Zusammenspiel zwischen queeren Theorien und gesellschaftspolitischem Aktivismus. Eine andere Diskussionsgruppe zur Auseinandersetzung um die Queer Professur an der Universität Hamburg, reflektierte auf die verschiedenen Kräfte und Felder der Öffentlichkeit, die die Professur ermöglicht und zugleich verunmöglicht haben. Betont wurde die tragende Rolle, die Studierende der Gender und Queer Studies darin gespielt hätten, die Professur durchzusetzen, sowie die Bedeutung von Lehre und Vermittlung für das Etablieren von Queer Theory im akademischen Feld. Zukünftig sei, so Engel, noch mehr Energie auch in postgraduierte Forschung und Theoriebildung sowie internationalen Austausch zu investieren.

Der Workshop spiegelte die Bandbreite queerer Wissensproduktion und gesellschaftspolitischer Interventionsstrategien wider, die sich sowohl in universitären als auch in anderen gesellschaftlichen Kontexten entwickeln. Öffentlichkeiten zu verqueeren bleibt weiterhin ein Feld permanenter, herausfordernder Auseinandersetzungen.


Dieser Text erschien erstmalig in:
femina politica, Zeitschrift für feministische Politik-Wissenschaft, 14. Jg., 2/2005: 163-165